Smartphones für Kinder?
- Simon Zaugg

- 30. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Smartphones für Kinder – ja oder nein? Ich suchte in "Generation Angst" Antworten. Ich kam zu folgender Erkenntnis: Wir (als Eltern) managen die Aktivitäten unserer Kinder digital zu wenig und im echten Leben zu viel.
Als Vater zweier Jungs (7 und damit bald im Alter, wo Smartphones interessant werden) habe ich Generation Angst von Jonathan Haidt mit einer klaren Erwartung gelesen: Ich wollte verstehen, wie ich mit der digitalen Welt umgehen soll, die früher oder später in unser Familienleben einbrechen wird. Wie viel Bildschirmzeit ist okay? Ab wann ein Smartphone? Was ist mit Social Media? Ich hatte vorher eine kritische Rezension gelesen, die das Buch als übertrieben negativ darstellte, und war entsprechend skeptisch.
Doch das Buch hat mich auf eine ganz andere Weise überrascht. Ja, es geht um Smartphones und Social Media. Aber das eigentliche Aha-Erlebnis war für mich ein anderes: Wir überwachen unsere Kinder im digitalen Leben zu wenig – und im physischen Leben zu viel. Diese Doppelbewegung, so Haidt, hat Folgen für die psychische Gesundheit der heutigen Jugend.
Worum geht's?
Jonathan Haidt zeigt in Generation Angst, dass seit etwa 2010 die Raten von Angststörungen, Depressionen und Selbstverletzungen bei Jugendlichen – vor allem bei Mädchen – massiv angestiegen sind. Seine zentrale These: Der Aufstieg der Smartphones und sozialen Medien fällt zeitlich genau mit dieser Entwicklung zusammen. Aber es gibt noch einen zweiten, weniger diskutierten Faktor: die zunehmende Überbehütung im realen Leben.
Haidt argumentiert, dass Kinder zwei fundamentale Dinge brauchen, um zu gesunden, selbstbewussten Erwachsenen heranzuwachsen: eine spielbasierte Kindheit mit echter Freiheit im physischen Raum und Schutz vor den toxischen Mechanismen der digitalen Welt, besonders vor Social Media. Was wir aber tun, ist genau das Gegenteil: Wir lassen Kinder unbeaufsichtigt in die endlosen Abgründe von TikTok, Instagram und Snapchat eintauchen, während wir ihnen gleichzeitig verbieten, alleine zur Schule zu laufen oder draussen ohne Aufsicht zu spielen.
Das Buch beschreibt konkret, wie Social-Media-Plattformen mit Like-Buttons, endlosem Scrollen und algorithmischen Feeds auf süchtig machende Weise funktionieren. Gleichzeitig zeigt Haidt, wie wichtig unstrukturiertes Spielen, körperliches Risiko und soziale Interaktionen ohne Erwachsenenaufsicht für die Entwicklung von Resilienz sind. Beides zusammen ergibt ein klares Bild: Wir haben unsere Prioritäten verdreht.
Was heisst das im Alltag?
Ich schreibe diesen Artikel mit etwas Abstand zur Lektüre, und ich merke: Das Buch hat mich in meiner Haltung bestärkt, die ich vorher schon intuitiv hatte. Unser Siebenjähriger läuft fast seit Beginn der ersten Klasse alleine oder zusammen mit dem Nachbarsjungen in die Schule. Er darf mit Freunden im Quartier draussen spielen, ohne dass ich ständig daneben stehe. Klar, ich weiss ungefähr, wo er ist, aber ich begleite ihn nicht auf Schritt und Tritt. Und das ist gut so.
Als ich das Buch gelesen habe, wurde mir erst bewusst, wie wenig selbstverständlich das heute geworden ist. Haidt beschreibt, wie Eltern in den USA ihre Kinder kaum noch unbeaufsichtigt nach draussen lassen – aus Angst vor Entführungen, Unfällen oder einfach dem Urteil anderer Eltern. In manchen Bundesstaaten werde man sogar von der Polizei kontaktiert, wenn das Kind alleine im Park spielt, wird im Buch ein Fall geschildert. Das klingt absurd, aber es zeigt, wie sehr sich unsere Kultur verändert hat.
Gleichzeitig sind wir beim Thema Bildschirmzeit sehr bewusst. Wir haben klare Leitplanken: X Stunden pro Woche für Gamen oder Filme schauen. Wenn die Zeit um ist, wird ausgeschaltet. Das gibt es manchmal Diskussionen, aber im Grossen und Ganzen funktioniert es gut. Wichtig ist mir, dass Bildschirmzeit bewusst passiert – nicht nebenbei, nicht endlos, nicht als Ersatz für echte Erlebnisse.
Was das Buch bei mir ausgelöst hat, ist eine klarere Sprache für etwas, das ich vorher mehr gefühlt als verstanden habe: Meine Jungs brauchen echte Freiheit und echte Grenzen. Freiheit im Analogen, Grenzen im Digitalen.
Meine 4 wichtigsten Aha-Momente
Die Doppelfalle: Überbehütung draussen, Vernachlässigung drinnen
Das war für mich die grösste Überraschung im Buch. Ich hatte erwartet, nur über die Gefahren von Social Media zu lesen. Aber Haidt zeigt, dass die Überbehütung im realen Leben genauso problematisch ist. Kinder, die nie lernen, kleine Risiken einzugehen, Konflikte selbst zu lösen oder ohne Erwachsene zurechtzukommen, entwickeln keine Resilienz. Sie sind anfälliger für Ängste – und dann besonders verletzlich, wenn sie in die digitale Welt eintauchen.
Social Media ist nicht einfach „Bildschirmzeit"
Ich habe vorher Bildschirmzeit als Ganzes betrachtet: Fernsehen, Gamen, YouTube – alles irgendwie das Gleiche. Haidt macht einen entscheidenden Unterschied deutlich. Ein Film schauen oder ein Spiel spielen ist etwas anderes als endlos durch Social-Media-Feeds zu scrollen, wo Algorithmen gezielt emotionale Reaktionen auslösen. Das ständige Vergleichen, die Suche nach Likes, die Angst, etwas zu verpassen – das ist eine ganz eigene, toxische Dynamik.
Spielen ohne Erwachsene ist keine Nebensache
Haidt beschreibt, wie wichtig unstrukturiertes, freies Spielen für die Entwicklung ist. Kinder müssen lernen, Regeln auszuhandeln, Konflikte zu lösen, Langeweile auszuhalten. Das passiert nicht, wenn Erwachsene alles organisieren und überwachen. Für mich war das ein Weckruf: Ich muss meinen Kindern mehr Raum geben – und auch mal aushalten, dass ich nicht weiss, was genau sie gerade machen.
Es gibt konkrete Alternativen
Das Buch ist nicht nur Problemanalyse, sondern bietet auch Lösungen. Haidt schlägt vor: kein Smartphone vor 14, kein Social Media vor 16, handyfreie Schulen und mehr unbeaufsichtigte Spielzeit. Das klingt radikal, aber wenn man die Argumente gelesen hat, macht es Sinn. Für mich ist das eine klare Orientierung, auch wenn ich weiss, dass nicht alles eins zu eins umsetzbar ist.
Inspirierende Beispiele aus dem Buch
Haidt erzählt von Schulen, die Handyverbote eingeführt haben – und wie sich das soziale Leben der Schüler sofort verändert hat. Plötzlich sprechen Jugendliche in den Pausen wieder miteinander, statt auf ihre Bildschirme zu starren. Es gibt mehr Augenkontakt, mehr Lachen, mehr echte Interaktion. Das klingt banal, ist aber offenbar nicht mehr selbstverständlich.
Eine andere Geschichte hat mich besonders berührt: Haidt beschreibt eine Mutter, die ihrer Tochter endlich erlaubt hat, alleine mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. Die Tochter kam strahlend nach Hause und sagte: „Mama, ich habe mich heute zum ersten Mal seit Langem frei gefühlt." Das hat mich getroffen. Wie viele Kinder heute wachsen auf, ohne dieses Gefühl von Freiheit je erlebt zu haben?
Haidt zeigt auch die dunkle Seite von Social Media sehr konkret. Mädchen, die sich stundenlang mit gefilterten Bildern von Influencern vergleichen und sich danach hässlich und wertlos fühlen. Jungs, die in toxischen Online-Communities hängen bleiben und radikalisiert werden. Das sind keine Einzelfälle, sondern Muster, die sich in den Daten deutlich zeigen.
Natürlich kann man nicht alles eins zu eins auf die eigene Familie übertragen. Jedes Kind ist anders, jede Situation ist anders. Aber die Beispiele machen eines klar: Wir müssen bewusster entscheiden, wie wir unsere Kinder aufwachsen lassen – sowohl digital als auch analog.
Warum dieses Buch gerade jetzt so wertvoll ist
Wir leben in einer Zeit, in der die Smartphone-Nutzung bei Kindern und Jugendlichen explodiert ist, während gleichzeitig die psychische Gesundheit dieser Generation dramatisch schlechter geworden ist. Viele Eltern spüren intuitiv, dass etwas nicht stimmt, aber es fehlt oft die Sprache und die Argumente, um dagegen anzugehen. Dieses Buch liefert beides. Es zeigt nicht nur, was schiefläuft, sondern auch, was wir konkret tun können.
Für uns als Eltern in der Schweiz ist das Thema vielleicht noch nicht so akut wie in den USA, wo viele der Studien durchgeführt wurden. Aber die Mechanismen sind überall die gleichen. Und je früher wir uns damit auseinandersetzen, desto besser können wir unsere Kinder darauf vorbereiten.
Was bleibt hängen?
Generation Angst ist kein Panik-Buch, auch wenn der Titel das vermuten lässt. Es ist eine fundierte, gut recherchierte Analyse mit klaren Handlungsempfehlungen. Was mir am meisten hängen geblieben ist: Ich muss meinen Kindern mehr Freiheit im echten Leben geben – und gleichzeitig sehr viel bewusster mit der digitalen Welt umgehen. Das ist keine Checkliste, die man einmal abhakt. Es ist eine Haltung, die ich immer wieder neu justieren muss.
Das Buch hat mich darin bestärkt, dass unser Ansatz – klare Grenzen bei der Bildschirmzeit, Freiheit beim Draussen-Spielen – richtig ist. Aber es hat mir auch gezeigt, dass es nicht nur um unsere Familie geht. Es braucht eine gesellschaftliche Veränderung: Schulen, die handyfrei werden. Eltern, die sich gegenseitig unterstützen, ihre Kinder wieder mehr alleine spielen zu lassen. Und Plattformen, die endlich Verantwortung übernehmen.




