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Joker-Abende: Bewusste Auszeiten vom gesunden Leben

  • Autorenbild: Simon Zaugg
    Simon Zaugg
  • 21. Okt. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Dez. 2025

Warum ich mir ab und zu einen Abend gönne, der mich drei Tage kostet.


Es ist Sonntagmorgen. Ich wache auf und spüre es sofort: Das bin nicht ich. Nicht der Simon, der normalerweise frisch und erholt in den Tag startet. Ich fühle mich träge, irgendwie unrund, als hätte jemand meinen Akku über Nacht auf 60 Prozent entladen.


Dabei war gestern Abend nichts Wildes: Ein paar Biere beim Fussball mit Freunden. Keine durchzechte Nacht, kein Absturz – einfach ein ganz normaler, geselliger Abend.


Und trotzdem weiss ich: Die nächsten drei bis vier Tage werde ich genau das spüren.


Weniger Energie, weniger Fokus, weniger von dieser inneren Entspanntheit, die mir mein gesunder Alltag normalerweise schenkt.


Früher hätte ich das nicht bemerkt. Heute kann ich es nicht übersehen.


Wenn der Körper sensibler wird


Seit ich bewusster lebe, mich besser ernähre, regelmässig Sport treibe, auf Alkohol weitgehend verzichte, hat sich etwas Grundlegendes verändert. Mein Körper ist feinfühliger geworden. Er reagiert auf Abweichungen. Und das ist manchmal ein zweischneidiges Schwert.


Denn einerseits ist es fantastisch: Ich habe mehr Energie, schlafe besser, bin ausgeglichener. Andererseits merke ich nun auch viel deutlicher, wenn ich von meiner Routine abweiche. Ein Abend mit ein paar Bieren reicht aus, um mich aus dem Rhythmus zu bringen. Nicht dramatisch, nicht schmerzhaft, aber spürbar.


Die Ironie: Je gesünder man lebt, desto deutlicher fühlt man die Ausnahmen.


Joker-Abende: Bewusst und mit Freude


Trotzdem ziehe ich ab und zu bewusst einen Joker. Einen Abend, an dem ich das gesunde Programm pausiere. An dem ich mit Freunden ein Bier trinke, vielleicht ein Dessert esse, das sonst nicht auf dem Plan steht, oder einfach bis spät in die Nacht aufbleibe.

Das Entscheidende dabei: Es passiert nicht aus Gewohnheit. Nicht, weil ich es „brauche" oder weil ich mich unter Druck gesetzt fühle. Sondern weil ich mich bewusst dafür entscheide. Weil dieser Moment, das Lachen mit Freunden, das gemeinsame Anfeuern beim Fussball, die Verbindung, mir etwas gibt, das kein Smoothie und keine Morgenroutine ersetzen können.

Ich geniesse diese Momente. Wirklich. Ohne schlechtes Gewissen.


Die drei Tage danach


Und dann kommen die drei bis vier Tage. Die Tage, in denen ich merke: Mein Körper braucht Zeit, um sich zu erholen. Ich bin träger, weniger produktiv, irgendwie schwerfälliger. Auch mental bin ich nicht so entspannt wie sonst. Kleinigkeiten nerven mich schneller, ich bin weniger gelassen.


Das ist keine Einbildung. Das ist messbar – an meiner Energie, an meinem Schlaf, an meiner Laune.


Früher, in meinen Zwanzigern, hätte ich das ignoriert oder gar nicht bemerkt. Heute kann ich es nicht mehr übersehen. Und ehrlich gesagt: Das ist gut so. Denn es zwingt mich, ehrlich mit mir selbst zu sein.


Das Wert-Nutzen-Verhältnis


Die Frage, die ich mir jedes Mal stelle, ist: Ist es mir das wert? Und manchmal lautet die Antwort: Ja. Absolut.


Denn Leben ist mehr als Optimierung. Leben ist mehr als perfekte Blutwerte, durchgetaktete Routinen und maximale Leistungsfähigkeit. Leben bedeutet auch: dabei sein, verbunden sein, Erinnerungen schaffen.


Ein Abend mit Freunden beim Fussball, bei dem wir zusammen mitfiebern, lachen und einfach präsent sind, dieser Abend hat einen Wert. Und dieser Wert rechtfertigt für mich die drei Tage danach.


Aber – und das ist der entscheidende Punkt – nicht jede Gelegenheit rechtfertigt diesen Preis.


Meine Spielregeln


Deshalb habe ich für mich ein paar Spielregeln entwickelt:


  • Selektivität: Ich sage öfter Nein als früher. Nicht jedes Feierabendbier, nicht jede Party, nicht jede Einladung ist es wert. Ich frage mich: Ist das wirklich wichtig für mich? Oder mache ich das aus Gewohnheit, aus Höflichkeit, aus Langeweile?

  • Bewusstsein: Wenn ich einen Joker ziehe, dann tue ich das bewusst. Ich weiss, was kommt. Ich akzeptiere die Konsequenzen. Und ich geniesse den Moment, statt ihn gedanklich schon zu bereuen.

  • Recovery-Zeit: Ich plane die Erholungsphase ein. Die nächsten Tage sind nicht der Zeitpunkt für grosse Projekte oder wichtige Entscheidungen. Ich bin gnädiger mit mir selbst, gönne mir mehr Schlaf, trinke mehr Wasser, kehre konsequent zu meiner Routine zurück.

  • Ehrlichkeit: Ich rede mir nichts schön. Ich merke genau, wie es mir geht – und ich gestehe mir ein, dass mein Körper Zeit braucht.


Die neue Achtsamkeit


Was mir diese Erfahrung vor allem zeigt: Gesund leben macht einen sensibel. Man spürt mehr – das Gute und das Schlechte. Man bekommt ein Gespür für den eigenen Körper, für seine Grenzen, für seine Bedürfnisse.


Und das ist keine Schwäche. Das ist ein Gewinn.


Denn diese Sensibilität bedeutet: Ich lebe nicht mehr auf Autopilot. Ich treffe bewusste Entscheidungen. Ich weiss, wofür ich mich entscheide – und wofür nicht.


Früher hätte ich am Wochenende getrunken, weil es eben dazugehört. Heute trinke ich, wenn es mir wirklich etwas bedeutet. Früher hätte ich die Trägheit am Montag einfach hingenommen, vielleicht sogar mit Stolz („War ein guter Abend!"). Heute sehe ich die Verbindung. Und ich entscheide mich trotzdem – aber eben bewusst.


Fazit: Balance statt Perfektion


Ich will nicht perfekt sein. Ich will auch nicht missionieren. Aber ich will ehrlich sein – mit mir selbst und mit anderen.


Ja, ich lebe gesund. Ja, ich achte auf mich. Und ja, ich gönne mir ab und zu einen Joker-Abend – mit allen Konsequenzen.


Denn am Ende geht es nicht darum, ein Leben ohne Abweichungen zu führen. Es geht darum, bewusst zu leben. Zu wissen, wofür man sich entscheidet. Und den Preis zu akzeptieren, den man dafür zahlt.


Die drei Tage Trägheit nach einem Fussballabend mit Freunden? Für mich manchmal ein fairer Deal.


Die Frage ist nur: Für welche Momente lohnt es sich wirklich?


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